Tschüß Welt. Hallo Hamburg.

Das war’s. Alles vorbei. Keine aufregenden, lustigen, verstörenden, bereichernden Reiseerlebnisse mehr. Statt dessen wieder trockenes Alltagsbrot. Und kläglich langsame Bewegungen auf der Landkarte.
Das will erstmal verdaut werden. Die sich nicht mehr stetig verändernde Umgebung als solche angenommen und akzeptiert werden. Das dauert. Hat fast einen Monat gedauert, in dem das letzte Stückchen Reisegeschichte als loses Ende hier im Netz hing und den fatal falschen Eindruck erzeugen konnte, wir hätten auf den finalen Reisemetern einen Herzschlag oder etwas Ähnlich spannendes erlitten.
Haben wir aber nicht, wie einige Menschen mittlerweile vielleicht auch durch physischen Kontakt bemerkt haben.

Was haben wir dann? Uns zurückgelebt. Während supersoon die ersten Rückkehrtage dazu bevorzugt in Vorortzügen zwischen Hamburg und Buchholz pendelnd verbrachte, versuchte herr_schaft die Reise durch einen anschließenden Urlaub im Schnee zu beenden.
Im Ergebnis wird das gleich. Wir erobern den verlassenen Lebensplatz zurück und laufen durch die Straßen mit der Frage, warum plötzlich die Kamera nicht mehr ständig griffbereit ist. Wir schreiben melancholische Mails. Hängen manchmal noch ein bisschen hinterher.
Um uns herum lesen wir plötzlich lauter Geschichten aus den Ecken der Welt, in denen wir gerade noch waren. Mit einem Mal scheint sich die ganze Welt für genau diese Ecken zu interessieren. Oder diese Ecken haben unsere Wahrnehmung der Welt verändert.
Wir machen neue Pläne. Gemeinsam. Oder zum ersten Mal nach drei Monaten auch wieder getrennt.
Wir überlegen, was und ob überhaupt etwas mit dieser URL zu geschehen hat. Tüfteln an der geselligen Zweitverwertung des bis hierhin hier online geschaffenen Werts.

Und wir treffen Menschen. Freunde auch genannt. Die meisten davon scheinen noch da. Viele sind zumindest beim ersten Treffen ein klein bisschen neidisch. Wir dafür auch beim zweiten Treffen noch über sie froh.
Hallo Hamburg.

Lass uns das lieber kompliziert machen.

Vorab. Wir haben aus gewöhnlich gut informierter und interessierter Quelle erfahren, dass das Bild dieses Landes Japan, das wir hier transportieren, schief ist. Das ist vermutlich richtig. Und ganz gerade werden wir es mangels Aufassungsgabe nicht rücken können. Doch bevor wir den Menschen unrechter tun als unbedingt nötig: Zumindest die Tokyoter und ihre Stadt sind herausragender Spaß. Es fiele uns ab heute wirklich kein einziger Grund mehr ein, warum jemand zum Shopping nach New York fliegen wollte. Alle Einkaufsgelegenheiten dieser Stadt passen hier in zwei bis drei Vororte. Und vermutlich aus reiner Freundlichkeit diesen ganzen Geschäften gegenüber kaufen die Tokyoter permanent ein, was wiederum zu der höchsten Dichte an gut und äußerst stilbewusst gekleideten Menschen pro Quadratmeter führt, die wir je gesehen haben. Außerdem bauen sie viele schöne Häuser. Viel mehr schöne Häuser als bei uns. Diese und weitere kleine Annehmlichkeiten bürgen jederzeit für einen schönen Aufenthalt.
Das klingt vielleicht nach einem recht oberflächlichen Urteil. Aber es ist auch wirklich nicht leicht, unter die Oberfläche zu kommen, wenn man mit den Menschen nicht sprechen kann.
Für einen weiteren Eindruck daher schnell weiter zur heutigen Lästerei - der letzten für diese Reise, wenn wir den Flieger nicht verschlafen.

Es ist nicht so, dass die Japaner nur anderen Völkern Probleme bereiten, mit ihnen reibungslos zu interagieren. Auch unter sich belassen haben sie ein erstaunliches Talent, die Dinge möglichst nicht so einfach wie möglich zu machen.
So ist es sogar gewieften Taxifahrern nahezu unmöglich, ohne einen passenden Kartenausschnitt ohne weiteres ein Haus in Tokyo zu finden. Zwar haben die Straßen Namen. Aber die werden nur in Strapenkarten genutzt, aber in der Adresse eines Hauses nicht erwähnt. Dort weist nur eine Zahlenkolonne aus Bezirk, Block und Hausnummer den Standort aus. Diese Ortsangaben dürfen dann fröhlich übersetzt werden. Und hat man die Straße, genügt es nicht, sie einfach auf- oder absteigend nach Hausnummern abzusuchen, da die Nummern vielleicht, aber nicht unbedingt einer einfach ersichtlichen Reihenfolge gehorchen. Manchmal sind sie auch nach Baujahr des Hauses, dem zuletzt eingezogenen Mieter oder sonstigem sortiert.

Einen weiteren hübschen Umweg machen die Japaner beim Glücksspiel. Kleine Kugeln mit Aussicht auf großen Gewinn durch Pachinko-Automaten zu jagen, zählt zu den hiesigen Lieblingsbeschäftigungen. Leider ist es verboten, um Geld zu spielen. Schade. Also wird um kleine Metallkugeln gespielt. Metallkugeln gegen Geld tauschen ist schließlich nicht verboten.

Wer schon mal versucht hat, schnell eine U-Bahn Station von einer zur anderen Seite zu durchqueren, ist mit einer anderen kleinen Hinterlist vertraut. Weil die in den Stationen ansässigen Shops ja auch Kunden brauchen, sind Schilder mit dem Wort ‘Ausgang’ spärlich gesät. Findet man ein solches Schild mit englischer Beschriftung tatsächlich, fehlt diese mit Sicherheit auf den folgenden drei Schildern. Und um die Fußgänger in einen Kreisverkehr zu zwingen, wird ‘Ausgang’ in ‘Eingang’ umbenannt, noch bevor man das Gebäude verlassen hat. Es braucht seine Zeit, bis man den Mut gefasst hat, durch einen Eingang hinaus zu gehen.

Aber auch auf diesem Gebiet liegt nicht alles im Argen. Manchmal geben sich die Japaner wirklich Mühe, Ausländern das Leben zu erleichtern. So zum Beispiel auf der Insel Naoshima, dessen Faltblatt sicherheitshalber und beflissentlich informiert:
‘language copes: there are not many english speakers on naoshima. therefore recommended for english speaking visitors take the following precautions: travel with a japanese speaker. ask travel agent to make reservation for you.’
Nach ausgiebiger Nutzung von Händen und Füßen und vielen hilflosen Lächlern wünschten wir nur, das Faltblatt mit dieser hilfreichen Information würde nicht nur auf der Insel selbst verteilt, die man erst nach einer halbstündigen Fährfahrt erreicht.