tags: japan | March 21st, 2007 9 Comments »
Alle noch Lost in Translation im Kopf? Nicht dass der Film nun unbedingt Maßstab für alles ist, was man in Tokyo zu erleben kriegt, aber trotzdem. Die Szene zur Aufnahme des Suntory Werbeclips, in der der Clip-Regisseur Bill Murray zwei Minuten Instruktionen auf japanisch gibt, die eine Übersetzerin ohne Verlust von Informationen mit ‘dreh dich zur kamera und hebe das glas’ übersetzt? Stimmt.
Japaner reden viel. Je weniger man sie versteht, desto mehr. Und man versteht sie gar nicht.
Kauft man in unseren Gefilden eine Tube Duschgel, sagt die Kassenperson ‘guten tag, 3,50 bitte, danke’. In Japan wird die gleiche Transaktion ungefähr und leider nur frei übersetzbar so abgewickelt.
‘hallo.’
‘oh hallo. schön, dass sie heute bei uns einkaufen. vielen dank. ah, ich sehe, sie haben sich für das dove duschgel entschieden. sehr gut und vielen dank für den einkauf. das macht 358 yen, bitte. oh, ein 500 yen-stück geben sie mir, das ist sehr nett. vielen dank, sie sind ein guter kunde. sehen sie, ich greife nur kurz in die kasse und hier haben sie 142 yen zurück und ihren bon natürlich bitte schön. vielen herzlichen dank für ihren einkauf nochmals und ich wünsche ihnen, dass sie der begründer einer wohlriechenden familie sein werden.’
‘danke.’
Unter vier arigato gozaimasu - für vielen Dank und ohne gesprochenes u am Ende, aber mit langem as - geht in der Kommunikation mit Dienstleistungen gar nichts.
Dieses umfassende Mitteilungsbedürfnis gepaart mit durchdringender Freundlichkeit reicht über alle Leistungserbringer bis zur Massage und mehr Dame, die sich der Untiefen der englischen Sprache vielleicht, aber nur vielleicht, nicht ganz bewusst ist, wenn sie nach Darlegung ihrer Leistungen zum Abschied freundlich winkt und mit hoher Stimme sagt: ’suck you very much.’
tags: japan | March 21st, 2007 2 Comments »
Wir sind hier. In Tokyo. Und noch am Leben. Das ist nicht selbstverständlich. Denn nach den ersten Tagen im Land der Krummbeiner legen wir alle Hände dafür ins Feuer, dass das Wort Anschlag japanischer Herkunft ist. Anders ist der Druck, der hier auf die Sinne ausgeübt wird, nicht zu erklären.
Man darf kaum blinzeln, so sehr will die Stadt hier durch die Augen in einen hinein. Pro Sekunde wollen so viele Bilder verarbeitet werden, dass die Netzhaut Muskelkater bekommt. Alles ist Blitz und Bling und schreit nach Aufmerksamkeit. Plakate sind als langweilig und altmodisch verschrien und wurden daher flächendeckend durch Bildschirme und Superscreens ersetzt. Mehr Farben mehr Bewegung mehr Licht, bis es schwindelt.
Und weil Japaner es noch genauer nehmen als Deutsche, stellen sie doppelt sicher, dass die Aufmerksamkeits-Attacke funktioniert. Sie legen über alle Bilder eine Tonspur, die ihre Botschaften per Lautsprecher über alle Kreuzungen und Straßen verteilt. Selbst ohne einen Menschen drin würde die Stadt permanent mit einem sprechen, einem etwas verkaufen. Alles kommuniziert permanent. Bis hin zum LKW, der an der Kreuzung nicht nur blinkt, sondern einem per Lautsprecherdurchsage mitteilt, dass er gleich abzubiegen gedenkt. Vermutlich ist das Wort Stromrechnung hier einfach unbekannt.
Was zur Erholung bleibt, ist der beste aller Rückzugsräume. Das Klo.
Allerdings, auch das will in Japan bedient und beachtet werden. Einfach mal so hinsetzen und ausruhen ist nicht. Die Möglichkeiten und Entscheidungen fangen lange vor der Wahl kleine Spülung große Spülung an. Stimmt die Temperatur der Klobrille, oder darf es etwas wärmer sein? Wie warm soll das Wasser zum Reinigen des Hinterns sein? Kleiner harter oder lieber breiter weicher Strahl? Wo genau soll er hinzielen? Und darf er vielleicht pulsieren oder besser oszillieren? Vorm Aufstehen vielleicht noch ein trocknender Luftzug gefällig? Ach, und keine Sorge wegen des Tröpfchens auf der Brille. Reinigung nach dem Geschäft ist natürlich inklusive.
Alles Elektro in Tokyo.